Witze über Vorarlberger gesucht

Witze werden oft als Sprachrohr und Transportmittel für Klischees, Vorurteile und Stereotypen benutzt. Witze über Vorarlberger scheinen ein gut gehütetes Geheimnis zu sein, blieb doch sowohl meine analoge als auch meine digitale Recherche mehr oder weniger erfolglos. „Bei uns findest du eher Witze über die Schweizer“, erklärt mir eine Vorarlbergerin das magere Suchergebnis. Was ich aber antiquarisch gefunden habe, ist das kleine, vergriffene Buch „Darüber lacht Vorarlberg“ (2007) des Kabarettisten Markus Linder, von dem es heisst: „Präzise Typisierung des Vorarlbergers von einem Meister der Formulierungen, Pflichtlektüre für jeden Exilvorarlberger, interessant auch für die ‚Opfer‘ selbst.“

Typisch vorarlbergerisch?

„Fleissig, konservativ, sparsam.“ Diese Eigenschaften nennt ein Grossteil Österreichs, wenn er an Vorarlberger denkt, heisst es in einer Studie aus dem Jahre 2011. Stimmen diese Stereotypen mit der Selbsteinschätzung der Vorarlberger überein? Eine Umfrage der Pulsmess-Station „Seismo“ im Umfeld der Studierenden und auf der Strasse bestätigt dieses Bild weitgehend. Was völlig im Widerspruch steht zu meinem eigenen Bild der Vorarlberger, welches seit frühester Kindheit entstanden ist. Die ersten drei Zuschreibungen, die mir als sporadischer Grenzgänger einfallen: Gastfreundschaft, Kreativität und Innovation (Tage der Utopie, vorarlberg museum, Montforter Zwischentöne, Aktion Demenz etc.). Was mindestens für die Leute spricht, mit denen ich zu tun habe.

Vorurteile starten meist harmlos

Drei Frauen in schwarzer Kleidung drehen an diesem Morgen in der Dornbirner Fussgängerzone ihre Runden. „Ich bin bald 50 und trotzdem eine lernwillige Studentin“, ist auf einem grünen Schild zu lesen. „Auf den Kleinplakaten stehen Zuschreibungen, mit denen wir persönlich schon konfrontiert wurden“, sagt Victoria Fink, die an der FH Vorarlberg Soziale Arbeit studiert. „Mit dem Slogan ‚Vorurteile starten harmlos‘ wollen wir darauf aufmerksam machen, wie schnell sich Vorurteile bilden; und Menschen motivieren, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen, allenfalls zu überdenken.“
Bild: Victoria Mäser

Pulsmess-Station „Seismo“

Mit ein paar wenigen Handstrichen verwandelt sich das alte Telefonhäuschen in der Dornbirner Fussgängerzone in die ambulante Pulsmess-Station „Seismo“, heute zum Thema Vorurteile. „Achten Sie bei anderen Leuten auf die Schuhe?“, höre ich eine Frau die Frage am Stations-Fenster laut rezitieren. Die meisten Passanten liefern auf Knopfdruck Antworten. Oder stellen eine Gegenfrage: „Verkaufen Sie Schuhe?“ Schnell ist die Verbindung zur Ausstellung „Romane Thana. Orte der Roma und Sinti“ im vorarlberg museum hergestellt. Das Ergebnis der Umfrage wird noch vor Ort in einem Kuchen-Diagramm visualisiert: 45 % sagen JA, 25 % Nein und 30 % der Befragten achten hin und wieder auf die Schuhe anderer Leute. Fazit: Offensichtlich machen nicht nur Kleider sondern auch Schuhe Leute.
Bild: Nils Kaeding

Eine Mauer der Vorurteile

Dort, wo die Europa-Passage in die Schulgasse mündet, baut eine kleine Gruppe eine Mauer aus Kartons auf – als Sinnbild für Vorurteile, die uns im Alltag immer wieder mal im Weg stehen. Passanten werden um Hilfe gebeten, die „Mauer der Vorurteile“ abzubauen. „Die Reaktionen der Leute reichen von Ablehnung bis zu Zustimmung, Freude und Begeisterung“, sagt Jonas Seimetz, Studierender im 6. Semester. „Manche Gespräche bleiben flüchtig, andere gehen in die Tiefe. Besonders prägend war ein Gespräch mit einem älteren, rechtsorientierten Herrn, der ‚en masse‘ Vorurteile äusserte, diese aber weder ändern noch loswerden wollte, was mich ihm gegenüber Vorurteile entwickeln liess…“
Bild: Carmen Götz

„In welche Schublade passen Sie?“

Mitten in der Dornbirner Marktgasse steht eine Kommode mit 20 Schubladen, überschrieben mit der Frage: „In welche Schublade passen Sie?“ Die Szenerie verfehlt die beabsichtigte Wirkung nicht: Passanten verlangsamen ihre Schritte, bleiben stehen, lassen sich in Gespräche verwickeln. Eine Frau beispielsweise behauptet, Schubladen-Denken sei vor allem Männersache, womit die eigene Aussage – wohl unbeabsichtigt – widerlegt wäre. „Wir konnten gar nicht mit allen reden, die stehen geblieben sind“, zeigt sich Student Gerald Kritzinger überrascht über die grosse Resonanz, ein DPB-Fahrer habe beim Vorbeifahren gar angehalten, um im Rückspiegel den Kasten zu bestaunen.

Bild: Carmen Götz

Sensibilisierungs-Versuche

Diesen Montag nutzten 14 Studierende der Fachhochschule Vorarlberg die Dornbirner Fussgängerzone für kleine Sensibilisierungs-Versuche. Ideen, die bisher im Kopfkino eingesperrt waren, wurden aus dem Gefängnis der eigenen Fantasie entlassen, auf die Strasse übersetzt und in Szene gesetzt. Mittels Plakaten, Kartonschachteln und Schubladen kamen sie mit zufälligen Passantinnen und Passanten schneller ins Gespräch, als sie sich im Vorfeld vorgestellt hatten. Das Gruppenbild bei der Pulsmess-Station „Seismo“ ist Beleg dafür, mit wieviel Energie und Engagement die angehenden Fachleute der Sozialen Arbeit zur Sache gingen. Im Café 21 wurden anschliessend Geschichten gerettet, Anekdoten erzählt und Erfahrungswerte auf den Punkt gebracht, um am 24. Mai auf dieser Grundlage in Bregenz einen zweiten Versuch anzusetzen.

Ambulante Impfstation

Bregenz, Platz der Wiener Symphoniker, Sonntagabend 14. Mai 2017, kurz nach 19 Uhr. Auf dem Weg zu einem Konzert des Symphonieorchesters Vorarlberg stolpert das Bregenzer Bildungsbürgertum über eine ambulante Impfstation, welche die erstmalige Möglichkeit bietet, eine neu entwickelte Schutzimpfung gegen Vorurteile kostenlos auszuprobieren.
„Schon geimpft?“, wird das ankommende Publikum gefragt. Zwei Worte reichen als „Eröffnungszug“, um den Schritt der Konzertbesucher zu verlangsamen, sich auf ein kurzes Gespräch einzulassen. Die Androhung einer „Schutzimpfung gegen Vorurteile“ entlockt den meisten ein breites Lachen. Und schon sind sie mitten drin im Thema rund um Vorurteile in unserer Gesellschaft. Es sei eine Frage der Zeit, dass der Erfindung eines Impfstoffs gegen Vorurteile der Nobelpreis verliehen werde, sagt ein Mann in festlicher Kleidung.
Die Testimpfung (Bild: Daniela Egger)  wird mit einer überdimensionierten Spritze von einem „Ärzte-Team“ in weissen Kitteln fachgerecht verabreicht, bevor sich das geimpfte Publikum ins Festspielhaus setzt, um die eigenen Vorurteile während der Einwirkungszeit bewusst zu machen, im besten Falle gar aufzuweichen, musikalisch interpretiert von Xavier de Maistre, dem modernen Paganini der Harfe.

Schuh-Inventar im Treppenhaus

Kurz vor Abfahrt in den Urlaub soll mit Unterstützung meiner Kinder noch ein Schuh-Inventar erstellt werden, um die Übersicht nicht zu verlieren. Das hauseigene Treppenhaus dient als temporäres Schuhgestell. Jeder Schuh wird identifiziert, Leihgebern und Schuhgeschichten zugeordnet, mit einem roten Punkt markiert und nummeriert, bevor sie auf den einzelnen Stufen ausgestellt werden. Wobei es sich unsere Mädchen nicht nehmen lassen, besonders exklusive Exemplare auf einer kleinen Gangprobe auszuführen.

Schuh-Grauen

Abends lande ich in einer illustren Runde, die sich um einen Küchentisch versammelt hat. Und werde mit Schuhen überschüttet: ein weisser Ballerina-Einzelschuh, deren zweite Hälfte tief unten im Meer liegt; rote Stöckelschuhe, die an den Füssen brennen; oder schwarze, die nicht nur aussehen wie ein Gefängnis, sondern auch eines sind, wie auf einem blauen Zettel steht. Mit reicher Beute fahre ich gegen Mitternacht über den Zoll, 11 Paar Leihschuhe liegen in Tüten und Koffern verpackt auf dem Rücksitz. Als mich plötzlich ein seltsames Gefühl beschleicht: Was mache ich hier eigentlich? Wohin mit all diesen Schuhen fremder Leute? Wo zwischenlagern, wie die Übersicht behalten? Was habe ich mir da nur aufgeladen. Nicht zu sprechen vom Aufwand, all dieses Schuhwerk wieder zu den richtigen Leihgeberschaften zurückzubringen. Unerwartete Zweifel und kurzzeitiges Schuh-Grauen machen sich breit.