Spieglein, Spieglein …

Die Aufforderung, eigene Vorurteile ausgedruckt mitzubringen und in anonymisierter Form auszustellen, stösst bei einigen Studierenden auf Widerstand. Sie komme sich vor, als ob sie splitternackt in einem Tram sitzen würde, den Blicken anderer Fahrgäste ausgesetzt, wehrt sich eine Studentin. Was Bände darüber spricht, wie persönlich und privat das Thema „Vorurteile“ ist. Und wie schwierig, in den Spiegel zu schauen, sich selber und anderen die eigenen Vorurteile einzugestehen. Und schon sind wir mittendrin im Thema, liegen doch die ärgsten Schwierigkeiten auf dem Tisch. Und nebenbei eine lange Liste an Vorurteilen aus unserer Runde: Beamte sind kleinkariert, Künstler chaotisch, Einzelkinder verwöhnt, Akademiker unpraktisch, Franzosen arrogant, Schweizer angepasst etc.

 

Ein Auftrag mit Tücken

Nabelschau. Aller Anfang ist bei uns selbst. Im Selbstversuch soll der eigene Alltag bzw. die eigene Biographie nach Vorurteilen durchforstet werden: Welche Vorurteile habe ich gegen welche Menschen bzw. Gruppen? Wie sind sie entstanden? Welche Vorverurteilungen habe ich selber erlebt? Und welche Menschen bzw. Gruppen bevorzuge, verkläre oder romantisiere ich? – Ein Auftrag mit Tücken. Ein erster Reflex: „Ich doch nicht, ich bin doch ein toleranter Mensch!“ Gar nicht so einfach, den eigenen Vorurteilen auf die Spur zu kommen, sie beim Namen zu nennen. Oft werden sie erst auf den zweiten Blick sichtbar, vielleicht im Gespräch mit Familie und Freunden?

General-Bass der Ausstellung

Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn, Raum U411. Erstes Treffen mit 15 Studierenden des Fachbereichs „Soziale Arbeit“, die in ihrem letzten Semester die Herausforderung annehmen, einen Beitrag für die Sonderausstellung „Romane Thana – Orte der Roma und Sinti“ zu leisten, indem sie die Ausstellungsfläche in den öffentlichen Raum verlängern bzw. ausziehen wie ein ausziehbares Bettsofa. Theresia Anwander, zuständige Kuratorin des vorarlberg museum, ist angereist, um den Auftrag zu klären: Ziel ist die experimentelle Erarbeitung von Selbstzeugnissen zur Thematik „Vorurteile“ als General-Bass der Ausstellung, der immer mitschwingt. Im Mittelpunkt soll die folgende Schlüsselfrage stehen: „Wie können Vorurteile, Klischees und Stereotypen bewusst gemacht, hinterfragt und allenfalls „durchbrochen“ werden?“

«Achtung Vorurteile»

Am 24. Mai 2017 eröffnet das vorarlberg museum die Sonderausstellung „Romane Thana. Orte der Roma und Sinti“, welche die gängigen Klischees und Vorurteile aufgreifen und mit der aktuellen Lebensrealität konfrontieren will. Im Vorfeld der Ausstellung macht sich Mark Riklin im Vorarlberg auf den Weg, dem Thema „Vorurteile“ auf die Spur zu kommen und der Bevölkerung mit Seismo, einer „Pulsmess-Station für gesellschaftliche Fragen“, den Puls zu fühlen. Vorurteile sollen nicht auf Roma und Sinti reduziert, sondern als gesellschaftliches Phänomen untersucht und nach deren Wesensart gefragt werden: nach Entstehung, Funktionen und Möglichkeiten, vorgefasste Meinungen zu zertrümmern oder zumindest aufzuweichen. Schützenhilfe bekommt der Schweizer Soziologe von Martin Geser, Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Vorarlberg, und Studierenden des Fachbereichs „Soziale Arbeit“. In diesem Blog sollen Geschichten aus dem Prozess gerettet und reflektiert werden.