Vorurteils-Schredderei verstärkt

Anlässlich der Vernissage der Sonderausstellung „Romane Thana. Orte der Roma und Sinti“ wurde der hauseigene Vorurteils-Schredder des vorarlberg museums öffentlich eingeweiht: Vorurteile, die sich durch Erfahrungen widerlegen lassen, werden mittels Schredder in deren Einzelteile zerlegt. Von Frauen heisst es, dass sie schlecht einparken können. „Wer kennt mindestens eine Frau, auf die das klassische Vorurteil nicht zutrifft“, wird das Publikum gefragt. Etwa 60 % der Hände schnellen in die Höhe, worauf das Vorurteil postwendend geschreddert wird, von einem ausfälligen Geräusch begleitet. Auch anderen Vorurteilen geht es nicht anders: Männer können nicht über Gefühle reden, Schweizer sind Tüpfleschissar, Italiener essen mindestens einmal täglich Pasta. Aus Zeitgründen musste die Vorurteils-Schredderei abgebrochen werden. Zeigen sollte sie, dass es sich lohnt, eigene Vorurteile bewusst zu machen, zu hinterfragen und durch eigene Erfahrungen zu ersetzen. (Bild: Daniela Egger)

Machen Schuhe Leute?

„Kleider machen Leute“, hat schon Gottfried Keller behauptet. Mit Schuhen verhält es sich nicht viel anders: Auch Schuhe verleiten zu blitzartigen Rückschlüssen über uns unbekannte Menschen, zu Recht oder zu Unrecht. Im Vorfeld der Ausstellung wurden Menschen aus Vorarlberg und der benachbarten Schweiz um deren Schuhe und die damit verbundenen Geschichten gebeten. In einer Leihschuh-Installation im vorarlberg museum laden die Leihgaben dazu ein, sich mit einem kleinen Selbstversuch auf die Ausstellung einzustimmen. Erahnen Sie, welche Geschichte die einzelnen Schuhe erzählen und wer sie getragen haben könnte? Ist den Schuhen anzusehen, welcher Nationalität, Alters- oder Berufsgruppe die Schuhträger/innen angehören? Oder lassen sich aufgrund des Schuhwerks gar Rückschlüsse auf bevorzugte Haarlänge, Rauch- oder Sportgewohnheiten ziehen? Vergleichen Sie Ihre Vermutungen mit den Angaben auf den Schuhsohlen und ertappen Sie sich bei Ihren eigenen Vorurteilen.

Ausziehbare Ausstellung

Heute Abend ist es soweit: Um 18 Uhr wird die Sonderausstellung „Romane Thana. Orte der Roma und Sinti“ im vorarlberg museum eröffnet. Als Vorspann wird die Ausstellungsfläche ab 17 Uhr nochmals in den öffentlichen Raum verlängert: Ein imaginäres Bühnenelement (Skizze: Regula Immler) wird nach dem Prinzip eines ausziehbaren Bettes aus der Museums-Schublade über den Kornmarktplatz gezogen, um das Thema „Vorurteile“ als gesellschaftliches Phänomen zu bespielen. Auf dem Weg zur Vernissage haben Gäste die Gelegenheit, von der kostenlosen Testimpfung gegen Vorurteile zu profitieren.

In Wien versichert

Inzwischen ist die Schuhsammlung auf 49 Paare angewachsen, die darauf warten, ab Morgen im 3. Obergeschoss des vorarlberg museum ausgestellt zu werden. Die Leihgeber/innen wurden mit einem offiziellen Vertrag ausgestattet, der auf vier Seiten garantiert, dass alle Exponate bei der Unique Wien versichert sind (3.1) und sich der Leihnehmer verpflichtet, an den Schuhen „keinerlei Restaurierungsarbeiten und eine allfällige Staubentfernung nur mit aller Vorsicht und fachgerecht vorzunehmen“ (4.2). Zudem kann die Leihgabe gemäss Paragraph 9.2 „vor Ablauf der Leihzeit zurückgefordert werden, falls ein wichtiger Grund wie beispielsweise Eigenbedarf vorliegt“. Durch den Leihvertrag wird der bisher private Schuh zum Kulturgut!

Witze über Vorarlberger gesucht

Witze werden oft als Sprachrohr und Transportmittel für Klischees, Vorurteile und Stereotypen benutzt. Witze über Vorarlberger scheinen ein gut gehütetes Geheimnis zu sein, blieb doch sowohl meine analoge als auch meine digitale Recherche mehr oder weniger erfolglos. „Bei uns findest du eher Witze über die Schweizer“, erklärt mir eine Vorarlbergerin das magere Suchergebnis. Was ich aber antiquarisch gefunden habe, ist das kleine, vergriffene Buch „Darüber lacht Vorarlberg“ (2007) des Kabarettisten Markus Linder, von dem es heisst: „Präzise Typisierung des Vorarlbergers von einem Meister der Formulierungen, Pflichtlektüre für jeden Exilvorarlberger, interessant auch für die ‚Opfer‘ selbst.“

Typisch vorarlbergerisch?

„Fleissig, konservativ, sparsam.“ Diese Eigenschaften nennt ein Grossteil Österreichs, wenn er an Vorarlberger denkt, heisst es in einer Studie aus dem Jahre 2011. Stimmen diese Stereotypen mit der Selbsteinschätzung der Vorarlberger überein? Eine Umfrage der Pulsmess-Station „Seismo“ im Umfeld der Studierenden und auf der Strasse bestätigt dieses Bild weitgehend. Was völlig im Widerspruch steht zu meinem eigenen Bild der Vorarlberger, welches seit frühester Kindheit entstanden ist. Die ersten drei Zuschreibungen, die mir als sporadischer Grenzgänger einfallen: Gastfreundschaft, Kreativität und Innovation (Tage der Utopie, vorarlberg museum, Montforter Zwischentöne, Aktion Demenz etc.). Was mindestens für die Leute spricht, mit denen ich zu tun habe.

Vorurteile starten meist harmlos

Drei Frauen in schwarzer Kleidung drehen an diesem Morgen in der Dornbirner Fussgängerzone ihre Runden. „Ich bin bald 50 und trotzdem eine lernwillige Studentin“, ist auf einem grünen Schild zu lesen. „Auf den Kleinplakaten stehen Zuschreibungen, mit denen wir persönlich schon konfrontiert wurden“, sagt Victoria Fink, die an der FH Vorarlberg Soziale Arbeit studiert. „Mit dem Slogan ‚Vorurteile starten harmlos‘ wollen wir darauf aufmerksam machen, wie schnell sich Vorurteile bilden; und Menschen motivieren, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen, allenfalls zu überdenken.“
Bild: Victoria Mäser