Machen Schuhe Leute?

Ein paar Tage später stehen die Hochzeitsschuhe als Exponat in einem Seminarraum der Fachhochschule Vorarlberg. Die Studierenden mutmassen, wem sie gehören könnten, schreiben dem exquisiten Schuhpaar kleine Schuhgeschichten zu. Schnell wird deutlich, dass im gleichen Schuh verschiedene Personen vermutet werden. Während die Mehrheit dem zierlichen Schuh eine ebenso zierliche Person zuschreiben, erahnt eine Minderheit, dass auch das Gegenteil der Fall sein könnte. Was Schuhen alles abgelesen bzw. zugeschrieben werden kann, zeigt stellvertretend das folgende Beispiel einer Studierenden: „Eine Frau mittleren Alters (45). Hausfrau, etwas mollig, fröhlich, macht sich gerne schick. Shoppen, Friseurbesuche und Kuchenbacken gehören zu ihren Leidenschaften.“ Was erzählen Ihre Schuhe?

Einmal Prinzessin sein

Winzelnberg, ein Land-Gasthof im Thurgau. Hier eröffne ich meine Sammlung an Schuh-Geschichten. Mir gegenüber sitzt eine burschikose, bodenständige Theaterfrau Mitte 40. Feierlich übergibt sie mir die teuersten Schuhe, die sie sich je geleistet hat: Schuhgrösse 37, Marke Prada, fein säuberlich in grünes Papier gewickelt. „Einmal in meinem Leben wollte ich Prinzessin sein“, erzählt sie. Ihre Hochzeit in Wien habe dazu die passende Gelegenheit geboten. Ein märchenhafter, der Realität entschwindender Aschenbrödel-Schuh mit Pailletten sollte ihre weibliche, feine Seite nach Aussen kehren. Inzwischen ist sie geschieden, der Schuh hat seine ursprüngliche Funktion verloren – und eine neue bekommen: als dekoratives Erinnerungsstück am Heizungsrohr in der Wohnstube.

Impf-Simulationen beim Frühstück

Samstagmorgen, am Küchentisch. Beim Frühstück erzähle ich Frau und Kindern von der Idee einer ambulanten Schutzimpfung gegen Vorurteile und lasse mich von ihnen beraten, wie eine überdimensionierte Spritze aussehen könnte. Die Fantasie einer ambulanten Impfstation fängt sofort Feuer: Vor Aufregung und Tatendrang stehen unsere beiden Mädchen im Alter von 7 und 9 Jahren auf den Stühlen, platzen fast vor Ideen. Im Sprung verschwinden sie im Keller, um wenig später mit grossen Kartonrohren zurückzukehren. Mit weit aufgerissenen Augen überlegen sie Lösungsalternativen: Bau-Rohre vielleicht, oder doch besser eine Schlauchboot-Handpumpe? Noch immer im Pyjama simulieren sie die Verabreichung des Impfstoffes gegen Vorurteile mit einer Velopumpe…

Zitate als Sprungbretter

Heute haben die Studierenden als Mitbringsel Zitate zum Thema „Vorurteile“ mitgebracht, die im weiteren Prozess als Sprungbretter für Ideenfragmente dienen sollen. Und tatsächlich: In kurzer Zeit lassen sich die Zitate ent-kleiden, die Ideen hinter und zwischen den Zitaten freilegen. Humorvolle Eingangstore in ernsthafte Gespräche entstehen: Schubladisierungs-Versuche im wörtlichen und übertragenen Sinne beispielsweise; das gemeinsame Abtragen einer „Mauer der Vorurteile“ mithilfe von Passanten; Standbilder zum Thema „Kleider machen Leute“; oder eine Schuhsammlung quer durch die Gesellschaft, welche der Frage nachgeht, ob nicht nur Kleider sondern auch Schuhe Leute machen. Das Zitat „Erfahrungen sind die beste Schutzimpfung gegen Vorurteile“ des deutschen Theater-Regisseurs Heinz Hilpert macht Lust, es wörtlich zu nehmen…

Symbolbild einer Aktion des Künstlerduos Glaser/Kunz (Bild: Urs Bucher/tagblatt.ch)

Mit heiterem Ernst

Der bisherige Prozess hat uns vor Augen geführt, dass wohl niemand darauf wartet, mit uns über ein derart hochschwelliges, schwer vermittelbares Thema ins Gespräch zu kommen. Was braucht es, um Passanten von ihrem Alltagstrott abzubringen? Gesucht sind niederschwellige, humorvolle Zugänge als Eingangstore in ernsthafte Gespräche, die drei Bedingungen erfüllen: Sie sollen sich als Eyecatcher vom alltäglichen Stadtleben unterscheiden, Fragen aufwerfen und im besten Fall ein Schmunzeln entlocken. Als Beispiel dient die Intervention „Eine Stadt verzaubern“, als fünfzig Studierende in einer Schweizer Kleinstadt kostenlose Dienstleistungen anboten, um mit heiterem Ernst am Stadtklima zu arbeiten: als Handföner, Bettflaschenkuriere oder Windschutz-Butler.

Illustration: Regula Immler

http://stadt-als-buehne.ch/projekt/variation-1-eine-stadt-verzaubern/

Einen zu schlechten Ruf?

Auf der Grundlage des Selbstversuchs machen sich die Studierenden vertraut mit der Wesensart von Vorurteilen: mit Definitionen, Funktionen und Wirkungsweisen. Vereinfacht gesagt können Vorurteile als Verallgemeinerungen betrachtet werden, wenn vorschnell von einer Eigenschaft auf eine Person oder von einer Person auf eine ganze Gruppe geschlossen wird. Nicht zu vergessen sind die positiven Funktionen von Vorurteilen, die im unaufhaltsamen Strom von Eindrücken und Informationen Orientierung schaffen, Komplexität reduzieren und unser Selbstwertgefühl stabilisieren. Vorurteile haben in unserer Gesellschaft einen viel zu schlechten Ruf. Das Abschaffen von Vorurteilen könne deshalb nicht das Ziel sein, sagt eine angehende Sozialarbeiterin, ein bewusster Umgang hingegen könne negative Auswirkungen von Vorurteilen möglicherweise vermindern oder gar verhindern.

http://www.ida-nrw.de/vorurteile/ursachen/

 

Zwischen Macho und Gerstenkorn

Montagmorgen, kurz vor Abfahrt ins Vorarlberg. Ohne erkennbaren Grund verselbständigt sich mein linkes Brillenglas und fällt beim Zähneputzen ins Spülbecken, weshalb meine stark korrigierte Sonnenbrille in die Lücke springen muss. Auf der Autobahn fliegt mir die Idee zu, das Malheur für unser Thema produktiv zu nutzen. Welche Zuschreibungen ein Vortragender mit Sonnenbrille wohl provozieren würde? Ein arroganter Typ zu sein beispielsweise? Und prompt erzeugt die optische Irritation blitzartige Zuschreibungen, ohne dass sich die Studierenden besonders hätten darum bemühen müssen. Reflexartig schiessen sie in den Kopf: Macho, Coolman, Heuschnupfen oder vielleicht doch eher ein Gerstenkorn? Fazit des nicht ganz freiwilligen Selbstversuchs: Je nach Ausmass der Vorerfahrungen zielen Vorurteile auf die Person oder auf die Situation.