Radikaler Respekt

Vorurteile abzuschaffen oder gänzlich aufzulösen, scheint weder möglich noch sinnvoll, waren sich die angehenden Berufsleute der Sozialen Arbeit einig. Ein bewusster Umgang mit Vorurteilen hingegen tut auf allen gesellschaftlichen Ebenen not. Ein erster Schritt können Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen sein, die uns fremd sind. Sich in die Eigenarten eines Gegenübers hineinfühlen und ernsthaft verstehen wollen, weshalb der andere so tickt wie er tickt, geht weit über das Dulden anderer Menschen hinaus: „Radikaler Respekt bemüht sich darum, die Welt aus der Perspektive des anderen zu betrachten.“, sagt Freeman Dority, emeritierter Professor für kritisches und kreatives Denken. In diesem Sinn sind Begegnungen und „Erfahrungen die beste Schutzimpfung gegen Vorurteile“.

Im nächsten Leben vielleicht

Meine Nachbarn wünschen mir bereits „viele Impfungen“, wenn ich unser Quartier in weisser Kleidung Richtung Bregenz verlasse. Auch die zweite Testimpfung auf dem Kornmarktplatz stösst auf reges Interesse, obwohl die Risiken und Nebenwirkungen des neuartigen Impfstoffs noch gänzlich unerforscht sind. Dass weisse Kleider Leute machen, bestätigt sich auf eindrückliche Art und Weise: Unbekannte Menschen wenden sich vertrauensvoll an mich, erzählen mir ihre Krankengeschichten. Bevor sie plötzlich wissen wollen, in welchem Spital ich arbeite. „Im nächsten Leben vielleicht“, höre ich mich sagen…

Falle der Vorurteils-Belegung

„Als ich in die Ausstellung mit den Leihschuhen kam, fiel mein Blick sofort auf einen Bekannten, der vor einer Reihe Schuhe in unterschiedlichsten Farben und Formen auf dem Boden kniete. Er hielt gerade einen großen Cowboyboot in den Händen und las die Angaben zum Träger, die auf einem Schild in Schuhform unter jedem Paar der ausgestellten Stücke vermerkt sind. Dabei grinste er verschmitzt, was ein tolles Bild abgab. In purer Entdeckungsfreude robbte ich die Reihe des Schuhwerks also auch durch, blieb an einem Paar hochhackiger Pumps hängen und war erstaunt, als ich „Pensionistin“ in der Besitzzuordnung las. Eine Rentnerin in so einem Look, stellte sich mir unvermittelt die Frage und ich gab sie an meinen Bekannten weiter, der amüsiert den Kopf schüttelte. Bämm! Wir sind voll hinein getappt in diese charmant ausgelegte Falle der Vorurteils-Belegung. In Zukunft tituliere ich mein Schubladendenken wohl eher als Pensionistinnen-Schuh.“
(Bericht einer Besucherin. Bild von Fatih Özcelik.)

Würdigung des Projekts

Gestern Vormittag haben sich die Studierenden der Fachhochschule Vorarlberg ein letztes Mal getroffen, um Verlauf und Ergebnis des Projekts „Achtung Vorurteile“ auszuwerten: 49 Leihschuh-Paare, 45 Umfragen, 36 Blog-Beiträge, 9 Lehrveranstaltungen, 6 Eingangstore, 2 Testimpfungen und 1 Gegenspieler veranschaulichen die Fülle an Ergebnissen. Im Anschluss an die dramaturgische Reflexion des Prozessverlaufs durch den Untersuchungs-Leiter würdigte Kuratorin Theresia Anwander, die Auftraggeberin aus dem vorarlberg museum, die Arbeit der Studierenden: das Konzept eines zusätzlichen Scheinwerfers auf die Vorverurteilenden sei voll aufgegangen, der Brückenschlag zwischen Museum und Fachhochschule gelungen.

Schweizer sind Tüpfleschissar

In der Pulsmessung, wem gegenüber die Vorarlbergerinnen und Vorarlberger Vorurteile haben, schafften es die Schweizer in die vorderen Ränge, direkt hinter den Deutschen. Hier ein paar Kostproben aus den gesammelten Antworten: Die Schweizer sind ein lustiges Bergvolk; brauchen immer eine Extrawurst; sind seriös, strukturiert, unflexibel, zugeknöpft und etwas eigen; haben pralle Konten; jeder ist Bänker; sind eingebildet, arrogant, überheblich und etwas langsam, ausser auf den Vorarlberger Autobahnen; sorgen an unseren Kassen für Stau, vorzugsweise samstags; können nicht Hochdeutsch sprechen, glauben es aber…

Projektionsfläche für Zuschreibungen

„Üblicherweise müssen Roma als Projektionsfläche für verschiedenste Zuschreibungen herhalten“, heisst es im ORF-Bericht über die am Mittwoch eröffnete Sonderausstellung: „Das vorarlberg museum zeigt eine beeindruckende Ausstellung über Roma, in der Klischees bewusst verwendet und zugleich gebrochen werden.“ Mit Augenzwinkern werde das Thema „Vorurteile“ in einer Leihschuh-Installation behandelt: „ein stimmiges Entrée in eine vielstimmige Schau“.
http://vorarlberg.orf.at/news/stories/2845120/

Aufzeichnung der Vernissage:

Vorurteils-Schredderei verstärkt

Anlässlich der Vernissage der Sonderausstellung „Romane Thana. Orte der Roma und Sinti“ wurde der hauseigene Vorurteils-Schredder des vorarlberg museums öffentlich eingeweiht: Vorurteile, die sich durch Erfahrungen widerlegen lassen, werden mittels Schredder in deren Einzelteile zerlegt. Von Frauen heisst es, dass sie schlecht einparken können. „Wer kennt mindestens eine Frau, auf die das klassische Vorurteil nicht zutrifft“, wird das Publikum gefragt. Etwa 60 % der Hände schnellen in die Höhe, worauf das Vorurteil postwendend geschreddert wird, von einem ausfälligen Geräusch begleitet. Auch anderen Vorurteilen geht es nicht anders: Männer können nicht über Gefühle reden, Schweizer sind Tüpfleschissar, Italiener essen mindestens einmal täglich Pasta. Aus Zeitgründen musste die Vorurteils-Schredderei abgebrochen werden. Zeigen sollte sie, dass es sich lohnt, eigene Vorurteile bewusst zu machen, zu hinterfragen und durch eigene Erfahrungen zu ersetzen. (Bild: Daniela Egger)